Proletarische Pädagogik – Historische Experimente und Kontroversen (1872–1933)

Proletarische Pädagogik – Historische Experimente und Kontroversen (1872–1933). Arbeitstagung des DFG-Projekts Clara Zetkins pädagogisches und bildungspolitisches Wirken in der Sowjetunion

Organisatoren
Ingrid Miethe / Christina Engelmann / Tobias Haberkorn, Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Institut für Erziehungswissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltungsort
Universitätshauptgebäude der Justus-Liebig-Universität Gießen, Senatssaal, Ludwigstraße 23
PLZ
35390
Ort
Gießen
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
12.05.2023 - 13.05.2023
Von
Verena Sophia März / Laura Hofmann, Justus-Liebig-Universität Gießen

Die zweitägige Arbeitstagung „Proletarische Pädagogik – Historische Experimente und Kontroversen (1872–1933)“ versuchte Bildungskonzepte und praktische Ansätze der proletarischen Pädagogik von ihrer Entstehung bis zu ihrem vorläufigen Ende mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nachzuzeichnen. Organisiert wurde sie im Rahmen des durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts „Clara Zetkins pädagogisches und bildungspolitisches Wirken in der Sowjetunion“.

Besonders positiv wurde die zu Beginn durch INGRID MIETHE (Gießen) erklärte Zielsetzung wahrgenommen, die verstreute Forschung rund um die proletarische Pädagogik zusammenzutragen und sichtbar zu machen. Die Tagung sollte den Raum bieten, sowohl die noch unklaren Begriffe der proletarischen und sozialistischen Pädagogik definitorisch fassbar zu machen als auch die Beschäftigung mit den praktischen Umsetzungen zu ermöglichen, zumal eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik seit 1989 nahezu ausblieb.

Das erste Panel gab Einblick in verschiedene bildungsphilosophische und ideengeschichtliche Ansätze einer proletarischen bzw. sozialistischen Pädagogik, welche die Notwendigkeit einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation betonen, in der Bildung als Mittel zur Schaffung einer gerechten, sozialistischen Gesellschaft dient.

Mit dem pädagogischen Werk Edwin Hoernles im Kontext seines politischen Werdegangs beschäftigte sich FLORIAN GRAMS (Hannover), indem er dessen Positionen zur Rolle von Familie und Jugendorganisationen als Erziehungsagenturen herausarbeitete. Hoernle forderte, Kinder in den Klassenkampf miteinzubeziehen und verlangte neue Formen der Erziehung außerhalb der Familien, um alte Traditionen zu brechen und Kindern das Neue zu lehren.

Den Zusammenhang zwischen Anarchismus und Pädagogik thematisierte ULRICH KLEMM (Augsburg) am Beispiel der libertären Schule, in welcher nicht der Klassenkampf, sondern die Freiheit und Individualität der Kinder im Vordergrund stehen sollte. Besonders kontrovers wurden in diesem Zusammenhang der von Klemm nur unklar umrissene Freiheitsbegriff sowie der Schwerpunkt auf reformpädagogischen Ansätzen anstatt liberal-anarchistischen diskutiert.

In seinem Beitrag argumentierte LASSE HANSOHM (Freiburg) dafür, Walter Benjamins Beiträge als Versuch einer reziproken Auffassung der Erziehungsdynamiken zwischen den Generationen zu verstehen. Dabei benannte er zwei für Benjamin zentrale Modelle proletarischer Pädagogik: das proletarische Kindertheater von A. Lacis und das Konzept der Intergenerationalität nach G. Wyneken, und betrachtete Benjamins philosophische Aneignung und Weiterentwicklung dieser Ideen.

MARIA DALDRUP (Oer-Erkenschwick) und IRMELA DIEDRICH (Jena) beschäftigten sich mit den Kinderrepubliken, deren Konzept durch die Reichsarbeitsgemeinschaft (RAG) der Kinderfreunde in der Weimarer Republik erarbeitet und praktisch erprobt wurde. Die 1923 gegründete RAG hatte die Verbesserung der Lebensumstände proletarischer Kinder zum Ziel. In den Zeltlagern sollte solidarisches Miteinander für die Kinder erlebbar gemacht und damit eine wichtige Grundlage für den späteren Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft geschaffen werden.

Inhaltlich anschließend an das vorausgehende Panel widmete sich auch das zweite Panel der Betrachtung verschiedener ideengeschichtlicher Zugänge. Die Beiträge erschlossen dabei pädagogische Ansätze, die die Bedeutung von Bildungsprozessen in Zusammenhang mit sozialen und politischen Veränderungen stellen.

Eröffnet wurde das zweite Panel mit der Untersuchung der psychologisch-pädagogischen Überlegungen von Anželika Balabanova bezüglich der Erziehung der Massen zum Marxismus von SEBASTIAN ENGELMANN (Karlsruhe). Es wurde herausgestellt, inwiefern das Problem des Zugangs zu den Massen einen zentralen Aspekt in pädagogischen Diskursen darstellt und wie Balabanova auf dieses Problem antwortet, indem sie die politische Agitation als eine Form der Pädagogik betrachte, die sowohl von der Massenpsychologie als auch von den Prinzipien der antiken Rhetorik beeinflusst werde.

Daran anschließend stellte SOPHIA SCHORR (Frankfurt) die Etablierung von Lesehallen als niederschwellige proletarische Bildungsmaßnahme heraus, wobei in der Diskussion kontrovers blieb, ob die Lesehallen als Teil oder Vorläufer proletarischer Pädagogik betrachtet werden können.

In einer Untersuchung von Nadežda Krupskajas Konzept der freien Arbeitsschule als Modell proletarischer Selbstbildung nahm CHRISTINA ENGELMANN (Frankfurt) – ausgehend von der Gegenwartsdiagnose eines subjektiv erfahrenen Verlusts an sozialer und politischer Handlungsfähigkeit – die sowjetische Arbeitsschule in den Blick. Sie führte dabei aus, wie hier Bildungsprozesse gefördert wurden, die das solidarische miteinander Lernen und Arbeiten mit der Erfahrung der Gestaltbarkeit sozialer Verhältnisse verbinden sollten.

Dem kontroversen Erziehungsmotiv der Arbeit und ihrer Rolle bei der Verbindung von Schule und außerschulischem Leben widmete sich auch FLORIAN HEßDÖRFER (Leipzig). Die verschiedenen Begriffe von Arbeit wurden dabei jedoch analytisch nicht klar voneinander abgegrenzt, sodass auch nicht verständlich gemacht werden konnte, weshalb um 1900 im pädagogischen Diskurs eine Neubestimmung des Arbeitsbegriffs erfolgte, der sich gegen das Phänomen der Ausbeutung durch Lohnarbeit richtet demgegenüber darauf angelegt ist, die bestehende Klassendifferenz zu überwinden.

Das dritte Panel behandelte anthropologische Zugänge, welche die Bedeutung der sozialen und kulturellen Umgebung für die Entwicklung von Arbeiter:innen betonen und Wert auf eine Bildung legen, die ihre spezifischen Lebensbedingungen und Erfahrungen berücksichtigt.

NINA RABUZA (Innsbruck) rekonstruierte anhand von verschiedenen Beiträgen Walter Benjamins die Anthropologie des proletarischen und des bürgerlichen Kindes. Nach der Erörterung des kritischen Begriffs von Anthropologie bei Benjamin, wurde dessen „Programm eines proletarischen Kindertheaters“ in den Blick genommen: hier werden die Zugänge der Kinder zu ihrer Lebenswelt zum Gegenstand der Aufführungen, wodurch es zu einer Umkehrung der Erziehungsverhältnisse kommt und Erwachsene durch die Aufführungen eigene Vorstellungen reflektieren können.

SÁRA BAGDI (Budapest) betrachtete Soma Brauns im Jahr 1924 erschienenes Werk „Primitive cultures“ als Beispiel für die Bedeutung der Bildung über Stammeskulturen und Vorgeschichte für die ungarische Arbeiterklasse. Braun zog in seinem Buch Parallelen zwischen prähistorischem und modernem Leben und hob dabei kulturelle Ähnlichkeiten hervor. Durch die Analyse des Stammesleben aus der Perspektive der Arbeiterklasse wurden dabei nur die Aspekte als wertvoll betrachtet, welche der Kultur der modernen Arbeiter:innen ähnelten.

Vor dem Hintergrund der ideengeschichtlichen und anthropologischen Zugänge zum Diskurs proletarischer Pädagogik standen im vierten Panel Medien proletarischer Bildung im Vordergrund, welche die Befähigung von Menschen durch kritische Analyse, Partizipation und soziale Veränderung durch den Zugang zu Bildungsinhalte und -ressourcen betonen.

Eröffnet wurde das Panel von SABINE HAKE (Austin), die sich der Bedeutung von Emotion, Imagination und Agitation in der proletarischen Kinder- und Jugendliteratur anhand der Werke „Der Wagen“ von Otto Müller (1922) und „Revolte im Kasperhaus“ (1929) von Ernst Heinrich Bethge widmete. Hierbei gelang es ihr, die Verbindung zwischen pädagogisch-psychologischer Forschung, der literarischen Strategien von Fiktionalisierung und Identifikation und der Bedeutung von Emotionen in der Darstellung der Klassengesellschaft und der Entwicklung von Klassenbewusstsein hervorzuheben.

Die Verbindung zwischen proletarischer Pädagogik und Radioaktivismus und -kunst anhand eines Radiolehrstück von Bertolt Brecht wurde von FERDINAND KLÜSENER (Bochum) untersucht. Er ging auf Experimente der Arbeiter-Radio-Bewegung und auf Herbert Marcuses Kritik an Brechts Radiolehrstücken ein, deren ästhetische, politische und avantgardistische Aspekte ein facettenreiches historisches Narrativ entfalteten.

Die Analyse der pädagogischen Konzeption von Emma Adlers Lesebüchern „Das Buch der Jugend“ (1895) und „Feierabend“ (1902) von ROBERT PFÜTZNER (Sibiu) nahm die von Adler als relevant erachteten Bildungsinhalte sowie den spezifisch pädagogischen Gehalt der Texte in den Blick. Zudem arbeitete Pfützner Unterschiede zur bürgerlichen Pädagogik dieser Zeit heraus.

Das fünfte Panel beschäftigte sich mit verschiedenen Modellen proletarischer Pädagogik, denen der Versuch zugrunde liegt, Bildung zugänglich und relevant für Arbeiter:innen zu machen, indem sie ihre Erfahrungen und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen und eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten fördern.

Hierbei orientierte sich das von MICHAEL FRANZKE (Rostock) vorgestellte Tinzer Modell proletarischer Jugendbildung an einem linkssozialistischen Konzept der Erziehung, dessen Zielsetzung die Befähigung zum selbstständigen Denken und klassenbewussten Handeln darstellte, wodurch der Übergang in eine sozialistische Gesellschaft ermöglicht werden sollte. Die proletarische Bildung sollte dabei an die akademische Bildung angebunden werden, um einen höheren Bildungsstand der Gesellschaft zu erzielen.

Zu der ethischen Dimension proletarischer Pädagogik in der Arbeiterjugendbewegung referierte DANIEL LIEB (Jena). Nach einer Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung der Arbeiterjugendbewegung bis zum Jahr 1918 wurde die Phase der Eigenständigkeit der Arbeiterjugend in den Fokus genommen. Lieb befasste sich mit einer Analyse ihrer Mitgliederzeitschrift, der „Arbeiter-Bewegung“, in den Jahrgängen 1918–1920. Es ließen sich zwei konträre Erziehungskonzeptionen feststellen: zum einen die Erziehung der Jugendlichen durch das erwachsene Proletariat, zum anderen die proletarische Selbsterziehung. Dabei stünden beide Konzeptionen im Paradigma eines ethisch fundierten Sozialismus.

Abschließend sprach CARSTEN MÜLLER (Emden/Leer) über das Verhältnis von Sozialpädagogik und Sozialismus anhand der Analyse eines Streits zwischen Robert Seidel und Karl Kautsky. Die Auseinandersetzung kreiste um die Frage des Verhältnisses von bürgerlicher Moral zu proletarischen Klasseninteressen und beschäftigte sich im Kern mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Erziehung und Pädagogik in der bürgerlichen Gesellschaft bzw. in der sozialistischen/kommunistischen Gesellschaft.

Das sechste und letzte Panel widmete sich der Untersuchung von Räumen proletarischer Bildung, welche die soziale und intellektuelle Emanzipation von Arbeiter:innen fördern und ihre politische Bewusstwerdung stärken sollten.

Am Beispiel einer sozialistisch-demokratischen Teilrichtung innerhalb der Volkshochschulbewegung in Leipzig während der 1920er- und 1930er-Jahre behandelte BERND KÄPPLINGER (Gießen) den Stern des Bundes sowie die Schule der Arbeit in Leipzig. Hierbei wurden insbesondere die verschiedenen Baupläne und ihr enger Zusammenhang mit den zugrundeliegenden pädagogischen Ansätzen herausgestellt.

Ziel der proletarischen Museen war die Präsentation und Vermittlung von Kunst und Kultur der bürgerlichen und adligen Gesellschaft für den Aufbau einer neuen proletarischen Bildung. In diesem Zusammenhang behandelte TOBIAS HABERKORN (Gießen) die Verbindung von Erziehungs- und Kulturfragen in proletarischen Museen in Moskau im Zeitraum von 1918 bis 1926 und diskutierte die Bedeutung von Museen in der sowjetischen Gesellschaft sowie deren Rolle im Hinblick auf Bildung und Erziehung.

Wie sowohl die Tagungsbeiträge als auch die angeregten Diskussionen deutlich machten, gibt es einige vielversprechende Forschungsansätze zu proletarischer und sozialistischer Pädagogik, die sich bislang allerdings untereinander kaum zur Kenntnis nehmen, da die Forschungen teils in unterschiedlichen Fachdisziplinen angesiedelt sind und nur wenig einschlägige Diskussionszusammenhänge bestehen. Die Tagung bot damit, wie von vielen der Teilnehmenden wiederholt betont, die Möglichkeit, diesen Diskurs wieder aufzunehmen. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele der auf der Tagung behandelten sozialistischen Pädagog:innen in den Fachdiskursen kaum oder gar nicht vorkommen, ist zu wünschen, dass dieser Impuls aufgegriffen wird und die Thematik wieder stärker als bisher Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung wird.

Konferenzübersicht:

Panel I: Ideengeschichtliche Zugänge I

Florian Grams (Hannover): Edwin Hoernle – Kommunistische Pädagogik für und ohne die Partei, Universität Hannover

Ulrich Klemm (Augsburg): Libertäre Pädagogik – Über den Zusammenhang von Anarchismus und Bildung

Lasse Hansohm (Freiburg): Reziproke Erziehung – Zur Bedeutung des Generationenverhältnisses in der Proletarischen Pädagogik

Maria Daldrup (Oer- Erkenschwick) & Irmela Diedrichs (Jena): Mikrokosmos Kinderrepublik – Pädagogische Theorie und Praxis der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde in der Weimarer Republik

Panel II: Ideengeschichtliche Zugänge II

Sebastian Engelmann (Karlsruhe): Der marxistische Agitator – Psychologisch- pädagogische Versuche und die Wissenschaft von der Masse bei Anželika Balabanova

Sophia Schorr (Frankfurt): Die Etablierung von Lesehallen durch die Ethische Bewegung als proletarische Bildungsmaßnahme

Christina Engelmann (Gießen): Nadežda Krupskajas Konzept der freien Arbeitsschule als Modell proletarischer Selbstbildung

Florian Heßdörfer (Leipzig): Arbeitskämpfe – Zur Arbeit als umkämpftes Erziehungsmotiv

Panel III: Anthropologische Zugänge

Nina Rabuza (Inssbruck): Zur Anthropologie des proletarischen und des bürgerlichen Kindes – Walter Benjamins Schriften zur Pädagogik

Sára Bagdi (Budapest): Primitivism in workers’ education

Panel IV: Medien zur proletarischen Bildung

Sabine Hake (Austin): Emotion, Imagination und Agitation – Zur proletarischen Kinder- und Jugendliteratur

Ferdinand Klüsener (Bochum): Proletarische Pädagogik und Radiokunst

Robert Pfützner (Sibiu): Proletarische Erziehung durch Märchen und Geschichte – Die pädagogische Konzeption von Emma Adlers Lesebüchern ‚Buch der Jugend‘ (1895) und ‚Feierabend‘ (1902)

Panel V: Modelle proletarischer Pädagogik

Michael Franzke (Leipzig): Das Tinzer Modell proletarischer Jugendbildung

Daniel Lieb (Jena): Die ethische Dimension proletarischer Pädagogik in der Arbeiterjugendbewegung 1918-1920

Carsten Müller (Emden/Leer): Zum Verhältnis von Sozialpädagogik (Arbeitsschule) und Sozialismus – anhand der Analyse eines Streites zwischen Robert Seidel und Karl Kautsky

Panel VI: Räume proletarischer Bildung
Bernd Käpplinger (Gießen): Häuser Proletarischer Pädagogik – Beispiele aus der Leipziger Richtung

Tobias Haberkorn (Gießen): Museen für das Proletariat – Kunst und Bildung in proletarischen Museen Moskaus von 1918 bis 1926

Abschlussdiskussion

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